Abends auf dem Sofa
- Laura

- 21. Apr.
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Apr.

Endlich die Beine hochlegen und so richtig entspannen.
Ich finde es super spannend, wie unterschiedlich Familien ihren Alltag leben. So viele Themen, Gewohnheiten, Rituale und Entscheidungen sehen von außen oft komplett verschieden aus. Und trotzdem gibt es da immer wieder diese Momente, bei denen ich denke: Ach krass… das kennen offensichtlich doch ziemlich viele.
Hier ist einer davon.
Vor einiger Zeit bin ich bei Instagram über ein Reel gestolpert. Ich fand es super witzig und habe mich direkt wiedererkannt.
Zu sehen war eine Frau, die gerade ihre Kids ins Bett gebracht hatte und endlich allein war. Alles an diesem Reel schrie förmlich nach Me-Time. Sie freute sich sichtlich über diesen Abend für sich und im nächsten Bild stand sie dann im, mit Kerzenschein erhellten, Wohnzimmer, mit einem Hula-Hoop-Reifen um die Hüfte schwingend. Im Pyjama, mit Tuchmaske im Gesicht und Socken in die Haare gedreht (wahrscheinlich so eine dieser Locken-ohne-Hitze-Techniken). Sie aß eine Handvoll Chips, während sie mit der anderen Hand am Handy scrollte.
Dieses Reel hatte über 300.000 Likes und Hunderte Kommentare von Frauen, die größtenteils schrieben, dass sie diese Situation nur zu gut kennen.
Ich schickte das Reel meiner Freundin und kringelte mich vor Lachen, während ich selbst im stillen Wohnzimmer saß und aufs Handy blickte. Gleichzeitig lief der Fernseher mit meiner Lieblingsserie, die Mikrowelle bingte mit den letzten beiden Stücken Pizza vom Mittag, die ich bis dahin noch nicht geschafft hatte zu essen, und vor mir lag auch noch ein Buch, von dem ich eigentlich seit Wochen die letzten beiden Kapitel lesen wollte, aber entweder nicht dazu kam oder einfach keinen Bock hatte.
Ich erkannte mich in diesem Reel so sehr wieder, dass ich über mich selbst lachen musste. Natürlich war es etwas übertrieben dargestellt. Aber eben auch nur etwas.
Denn so ein Abend auf dem Sofa fühlt sich oft an wie "Endlich Feierabend". Die Kinder sind im Bett. Sie stehen hoffentlich nicht noch 1000 Mal auf, um sich vor dem Einschlafen zu drücken und du sinkst endlich ins Sofa. Vielleicht legst du einfach nur die Beine hoch. Vielleicht machst du eines der zehn Dinge, die du dir schon ewig vorgenommen hast für den Fall, dass du mal wieder ganz allein bist.
Das Problem ist nur: So richtig viel Zeit ist da meistens nicht. Eigentlich bleiben dir vielleicht höchstens zwei Stunden, weil du am nächsten Morgen wieder früh raus musst, egal ob Wochenende ist oder nicht. Irgendjemand ist eh wieder gegen 6 Uhr wach.
Und da sitzt du dann also. Endlich ist es ruhig und gleichzeitig beginnt in dir etwas zu arbeiten. Vielleicht willst du dich einfach nur entspannen, weil du den ganzen Tag nicht dazu gekommen bist. Vielleicht willst du mal kurz nichts hören, nichts entscheiden, nichts tragen, nichts auffangen.
Und dann überlegst du dir wahrscheinlich, was dich jetzt am meisten runterbringt.
Ein schöner Film vielleicht, der dein Herz erwärmt, mit einem Ben-&-Jerry’s-Eis in der Hand. Oder ein bisschen bei Insta scrollen, online shoppen, Haare färben, Gesichtsmaske, ein entspanntes Bad, oder Fingernägel lackieren. Vielleicht sogar eine Meditation. Man hört ja schließlich oft genug, dass die Wunder wirken soll.
Und genau da wird’s spannend.
Denn wenn du so richtig fertig bist vom Pensum deines Alltags und tief in dir das Gefühl trägst, dass du an Me-Time schon ganz schön viel aufzuholen hast, dann machst du vielleicht nicht einfach nur eine Sache. Dann versuchst du vielleicht, möglichst viel aus diesem Abend rauszuholen. Möglichst effizient zu entspannen und möglichst schnell wieder bei dir anzukommen. Das bedeutet du solltest jetzt möglichst viel Erholung in möglichst wenig Zeit packen.
Natürlich nicht, weil du es einfach nur genießt, sondern weil du dir vielleicht denkst:
"Ich muss jetzt irgendwie wieder zu mir kommen. Und zwar zackig."
Und dieses Gefühl ist alles andere als ruhig und entspannend. Es ist eher so eine leichte Hektik im Körper, ein inneres Hinterherlaufen. Ein Druck, der sich gar nicht nach Entspannung anfühlt, obwohl du doch eigentlich genau die suchst.
Für mich fühlt sich das ein bisschen an wie damals im Sportunterricht. Vier Runden um den Sportplatz rennen. Am Anfang gibst du Gas, du fühlst dich stark, denkst, das wird schon, und läufst einfach los. Aber du kannst deine Kräfte vielleicht gar nicht so einschätzen, dass sie über die ganze Strecke gleichmäßig reichen. Irgendwann merkst du, dass du zu schnell gestartet bist. Du wirst langsamer und die anderen ziehen an dir vorbei. Und du denkst: "Shit, ich bin zu langsam. Ich komm nicht hinterher."
Und genau dann kommt sie, die Hektik. Das Aufholen und noch mal alles rausholen wollen. Schneller werden und die letzten Meter retten, um bloß nicht als Letzte im Ziel anzukommen.
Und genau so fühlt sich dieses „Ich muss mich jetzt entspannen“ abends auf dem Sofa manchmal an.
Wohlgemerkt immer unter der Voraussetzung, dass nicht zwischendrin noch ein ungebetener Gast auftaucht. Ein kleiner Schlafverweigerer zum Beispiel, der dringend noch ein 15. Glas Wasser braucht. Denn dann, und das wissen wir alle, beginnt der freie Abend gefühlt wieder von vorn. Nur eben mit noch weniger Zeit und noch mehr Druck, jetzt aber wirklich schnell das Maximum aus diesen verbleibenden Minuten herauszuholen.
Und vielleicht geht es dabei gar nicht nur darum, was du an diesem Abend machst.
Sondern vielmehr darum, wie es sich in dir anfühlt.
Ganz ehrlich? Ich glaube, was wir an solchen Abenden oft versuchen, ist aufholen.
Stell dir vor, du sitzt im Auto und hast einen wichtigen Termin. Und auf dem Weg stehst du an 100 roten Ampeln. Du merkst, wie dein Körper langsam unruhig wird. Du trommelst mit den Fingern aufs Lenkrad, schaust ständig auf die Uhr und denkst: "Das kann doch jetzt nicht sein… ich darf nicht zu spät kommen." Mit jeder roten Ampel steigt der Druck ein kleines bisschen mehr. Und dann ist die Straße endlich frei. Was machst du? Du gibst wahrscheinlich Gas, weil du die verlorene Zeit aufholen willst. Und genau dieses Gefühl hört nicht einfach auf, nur weil du später nicht mehr im Auto sitzt. Manchmal nimmst du es einfach mit. Mit auf dein Sofa.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch, dass in deinem Alltag gerade so wenig Zeit für echte Erholung da ist, dass selbst ein freier Abend nicht leicht und wohltuend wird, sondern sich fast anfühlt wie eine letzte Gelegenheit, dich irgendwie wieder aufzuladen.
Aber was bedeutet „zu wenig Zeit“ eigentlich wirklich?
Für mich ist das kein konkreter Zeitraum. Kein „Ich brauche exakt so und so viele Minuten für mich“. Es ist eher ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Dieses: "Ich muss jetzt einfach mal durchatmen. Ich will mal kurz nichts hören." Keine Fragen beantworten, eine Entscheidungen treffen, keine Bedürfnisse erfüllen müssen. Einfach nur Ruhe. Manchmal wünsche ich mir gar nichts Großes. Nur, dass es kurz mal um mich geht. Dass niemand etwas von mir will. Dass ich mich selbst mal wieder hören kann.
Und gleichzeitig ist da diese Angst: Was, wenn die Zeit nicht reicht? Was, wenn ich morgen wieder aufwache und immer noch zu wenig Energie habe? Was, wenn ich dann morgens beim Schuhe anziehen ungeduldig werde, obwohl ich meinen Kindern ihre Zeit eigentlich gern lassen würde? Was, wenn ich auf der Arbeit sachliche Kritik persönlich nehme, nur weil mein Nervensystem eh schon auf Kante läuft? Was, wenn ich im Alltag wieder impulsiv reagiere, statt bewusst zu handeln?
Und dann sind sie sofort da, diese Gedanken: "Ich hab das alles nicht im Griff. Andere kriegen das doch auch hin. Warum schaffe ich das nicht?"
Und vielleicht lohnt es sich genau da, einmal hinzuschauen.
Nicht nur auf den Abend selbst. Sondern auf das, was davor passiert ist. Wo genau bist du ins Defizit gerutscht? Wann hast du angefangen, über dich hinwegzugehen?Wann wurde aus „Ich bin müde“ wieder „Ich mach noch schnell“? Wann wurde aus „Ich brauche kurz Ruhe“ wieder „Später“?
Ist dein Bedürfnis nach Erholung, Ruhe und Entlastung vielleicht nicht erst an diesem Abend zu kurz gekommen, sondern schon den ganzen Tag? Oder über Tage? Vielleicht sogar über Wochen?
Dann ist dieses „Jetzt muss ich schnell aufholen“ eigentlich gar nicht überraschend.
Vielleicht fühlst du viel zu oft, dass du gar nicht genug Raum für dich und deine emotionalen Bedürfnisse hast. Oder schlimmer noch: Dass du dir das Erfüllen deiner Bedürfnisse erst verdienen musst.
Und ganz ehrlich? Das kenne ich selbst nur zu gut. Ich habe keine konkrete Erinnerung daran, wann ich gelernt habe, dass ich mir Erholung erst verdienen muss. Es war einfach immer da. Erst die Hausaufgaben, dann wird gespielt. Erst die Wohnung aufräumen, dann hinsetzen und die Beine hochlegen. Erst das Projekt abschließen, dann endlich den Nachmittag ohne schlechtes Gewissen genießen.
Erst die Pflicht, dann irgendwann vielleicht das Vergnügen. Das war lange so normal für mich, dass ich es überhaupt nicht hinterfragt habe. Und genau deshalb wird es so schwierig, wenn wir uns dann einfach mal hinsetzen. Weil wir dann oft gar nicht ruhig werden, sondern unruhig. Fast schon hibbelig, getrieben. Als würde innerlich sofort jemand aufspringen und rufen: "Erledigen, abarbeiten, Struktur reinbringen. Nutze deine Zeit gefälligst sinnvoll."
Und plötzlich wird selbst Me-Time noch zu etwas, das optimiert werden muss.
Selbst Entspannung bekommt dann eine Aufgabe, einen konkreten Plan und ein Ziel.
All diese kleinen Momente, in denen wir tagsüber über unser Bedürfnis nach Ruhe oder Erholung hinweggehen, füttern genau diesen Aufholmodus.
Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich selbst lange immer wieder übergangen.
Nicht, weil ich ich mich nicht hören, sehen und verstehen wollte, sondern weil ich es konnte. Weil ich die Einzige war, die es mir nicht übel genommen hat, wenn ich zurückstecke. Weil ich für alle da sein wollte, weil ich stark sein wollte und weil es so viele Dinge gab, die mich davon ablenkten, mich selbst wirklich zu hören.
Arbeit, Kinder, Alltag und auch Medien. So konnte ich mich selbst ziemlich gut übergehen.
Und ja, dieses Funktionieren gibt uns kurzfristig sogar ein ziemlich gutes Gefühl. Da ist Anerkennung von außen, Sicherheit und Bindung. Das Gefühl, gebraucht zu werden, alles am Laufen zu halten. Alles geht irgendwie weiter.
Aber gleichzeitig vermeiden wir damit auch etwas ganz Grundlegendes:
Uns selbst.
Wenn wir uns tagsüber keinen Raum geben, auf uns zu hören, in uns hineinzuspüren und überhaupt wahrzunehmen, was wir gerade brauchen, dann versuchen wir es eben dort zu kompensieren, wo es endlich mal still wird. Abends auf dem Sofa.
Und dann entsteht aus dem Wunsch nach Erholung wieder Druck. Aus Ruhe wird Leistung und aus Me-Time wird Selbstoptimierung. Aus unserer erhofften Entspannung wird ein neues To-do.
Und natürlich könnte man jetzt sagen: Dann planen wir doch einfach mehr Zeit ein. Dann atmen wir halt mal durch, dann entspannen wir uns eben früher. Aber wenn es so einfach wäre, warum fällt es dann so schwer?
Weil da dieser volle Kopf ist, diese endlose To-do-Liste und dieses Gefühl: "Wenn ich es nicht mache, macht es keiner so wie ich." Und selbst wenn das objektiv gar nicht immer stimmt, fühlt es sich oft genau so an, weil wir uns so vieles selbst auferlegen. Weil wir uns diese Verantwortung so tief eingeschrieben haben und weil wir glauben, dass alles nur läuft, wenn wir laufen.
Ich habe mich selbst lange davon abgehalten, einfach mal zu entspannen. Und wenn ich es doch versucht habe, wurde ich alles andere als ruhig. Ich wurde zappelig, unruhig und getrieben von mir selbst. Ich hatte das Gefühl, ich halte dieses Nichtstun gar nicht aus.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Vielleicht geht es gar nicht zuerst darum, es sofort anders zu machen. Vielleicht geht es erst mal nur darum, es überhaupt zu sehen.
Vielleicht sitzt du heute Abend auf deinem Sofa und bemerkst es einfach, ohne es direkt verändern zu müssen.
Einfach nur wahrnehmen.
Und vielleicht verändert sich genau dadurch schon etwas.
Denn dein freier Abend auf dem Sofa ist nicht dafür da, dich zu retten.
Er ist einfach da. Für dich.



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