Die perfekte Lösung
- Laura

- 17. Mai
- 6 Min. Lesezeit

Ich glaube, viele Frauen verbringen einen riesigen Teil ihres Lebens damit, Lösungen zu finden. Jeden Tag für so so viele Dinge, auch ich natürlich.
Morgens schon, wenn die Brotdose noch nicht gemacht ist, ein Kind plötzlich seine sonst so geliebten Schuhe komisch findet, irgendwer weint ohne sichtlichen Grund, irgendwer muss ganz schnell irgendwo hin, irgendwer hat ziemlich schlechte Laune und nebenbei versuchen wir vielleicht sogar noch herauszufinden, warum dieser nervige Geschirrspüler schon wieder piept.
Und irgendwie finden wir für all das ja auch immer wieder Lösungen. Hier schnell etwas in die Brotdose werfen, da schnell andere Schuhe suchen und zwischendrin viele der negativen Gefühle um uns herum mit festen liebevollen Drückern und Küssen trösten.
Und auf der Arbeit sowieso. Da können sich unsere Kolleg*innen ziemlich glücklich schätzen, wenn sie eine Lösungsgeneratorin wie uns im Team haben. Immerhin gilt unsere Lösungsorientierung als vorbildhafte Persönlichkeitseigenschaft. Klingt ja auch direkt nach: Sie hat ihr Leben im Griff. Habe ich immer super gern in meine Bewerbungen geschrieben, um von anderen vermeintlich weniger einschlägigen Meilensteinen meiner beruflichen Laufbahn abzulenken.
Und weißt du, wieso ich es so unglaublich gut nachvollziehen kann, dass viele Frauen ständig Lösungen finden wollen für sämtliche Probleme, selbst die, die nicht mal ihre sind? Weil ich Lösungen einfach liebe!!
Ich mag dieses Gefühl, wenn etwas super Kompliziertes plötzlich lockerleicht wird. Wenn man diesen verflixten Knoten endlich gefunden hat, oder wenn aus purem Chaos endlich wieder Ordnung entsteht.
Wenn ich drüber nachdenke, wie erleichtert ich mich fühlte und wie vorausschauend ich es empfand, wenn ich diese klitzekleinen Stickerchen mit Hosen, T-Shirts und Unterhosen auf die Schranktüren der Kinder geklebt habe, in der Hoffnung, dass sie ihre Kleidung nun ganz selbständig ordentlich wegsortieren können, oder viel mehr Spaß beim Anziehen morgens haben. Und was soll ich sagen? Hat auch geklappt, hat sich wunderbar angefühlt. Oder etwas hartnäckigere Alltagsprobleme, bei denen wir wirklich kreativ werden müssen. Wie diese Essensgeschichte immer. Wann essen wir was? Was mögen wir alle gleichzeitig? Und natürlich soll es auch abwechslungsreich sein, also fand ich Lösungen: Rezepte-Apps, Thermomix, Essenskalender. Jedes Mal, wenn wir eine neue Idee etablierten, fühlte es sich umwerfend an, weil immer ein wenig mehr Leichtigkeit in unseren Alltag einkehrte.
Aber in letzter Zeit merke ich immer wieder etwas, das mich ziemlich beschäftigt. Ich versuche ständig, Lösungen für meine Gefühle zu finden. Kennst du das auch?
Bei mir ist das so, wenn ich ein schlechtes Gefühl in mir habe, aber nicht genau weiß, woher das kommt und was es ist. Vielleicht, wenn ich mit einer langjährigen Freundin über ein Thema diskutiere und hier und da habe ich mich angegriffen gefühlt. Oder im Job lief eine Sache nicht so ganz rund und ich hätte mehr von mir erwarten wollen, weil ich irgendwie nicht ganz bei der Sache war. Vielleicht haben es mir meine Projektkolleg*innen sogar gespiegelt und das tat ziemlich weh.
Wenn ich mich dann schlecht fühle, dann versuche ich eine Lösung zu finden. Ich finde den Zustand dann so unangenehm, dass ich dieses schlechte Gefühl direkt eliminieren möchte. Ehrlich gesagt, bin ich manchmal auch einfach nur genervt von negativen Gefühlen, wie zum Beispiel Schuld, Verletztheit, Sorge, Angst und so weiter...
Ich habe in den letzten Jahren soo viel Zeit damit verbracht über mich, mein Leben, meine Kinder, meine Mitmenschen, meinen Alltag, meine Balance und vieles mehr nachzudenken. Ich habe das Gefühl, besonders seitdem ich Mutter bin, habe ich unendlich viel über mich selbst gelernt, viel nachgedacht, fleißig reflektiert und sämtliche Dinge hinterfragt, natürlich um für meine Kinder die liebevollste und wunderbarste Mutter sein zu können.
Und trotzdem sitze ich manchmal wieder genau da, wo ich mit 8, 15 oder 20 schon einmal saß und dann fühle ich das, was ich eben in diesen Zeiten schon gefühlt habe. Das nervt mich dann so sehr, dass ich mich frage, woran das liegt? Nach all den Jahren Nachdenken, Hinterfragen, Reflektieren, Bücher lesen, Gespräche führen und mich selbst beobachten. Wieso fühle ich mich dann in manchen Situationen immer noch gleich?
Ich gehe die Situationen, die zu diesem negativen Gefühl geführt haben, nochmal durch, und nochmal, und natürlich auch nochmal. Ich suche nach der Stelle, an der ich anders hätte reagieren können, oder überlege, ob ich etwas übersehen habe, um beim nächsten Mal dieses negative Gefühl zu umgehen. Ich überlege, ob ich mich falsch verhalten habe und denke mir, dass ich doch eigentlich schon viel weiter sein müsste.
Wozu sonst diese ganzen Pinterest Quotes und Mindset Impulse, die ich immer wieder aufsauge, die für mich tatsächlich Sinn ergeben und auch etwas in mir bewirken? Aber anscheinend nicht genug, denn immer denke ich, dass doch irgendwo eine Lösung versteckt liegen müsste und sobald ich sie finde, werden weniger dieser Situationen und negativen Gefühle in meinem Leben sein.
Ich denke, ich suche immer wieder Lösungen für Gefühle, die keine Lösungen brauchen.
Je mehr ich versuche, negative Gefühle in mir wegzubekommen, zu lösen, zu reparieren... desto größer werden sie. Als würden sie sich extra breit machen, nur um mich komplett zu nerven.
In letzter Zeit beobachte ich aber auch, dass ich immer weniger Lust habe, dagegen anzukämpfen. Und das fühlt sich erleichternd an.
Diese Gefühle, wie Frust, Angst, Selbstzweifel, Schuld und so weiter, sind dann nicht weg. Ich habe es auch nicht geschafft sie in schöne Gefühle umzuwandeln oder in Luft aufzulösen. Es fühlt sich für mich einfach ruhiger und ausgeglichener an, wenn ich sie gar nicht erst eliminieren möchte. Weil dieser Kampf, der sonst irgendwie zum Mäuse melken war und doch nichts gebracht hat, aufgehört hat. Und ich frage mich seitdem, wie oft ich eigentlich versuche, aus Gefühlen Probleme zu machen, die gelöst werden müssen. Machst du das auch manchmal?
Ich habe mich gefragt, ob wir das vielleicht sogar schon ziemlich früh lernen. Natürlich in guter Absicht, durch ganz normale Sätze wie: „Du brauchst keine Angst haben.“ und „War doch gar nicht schlimm.“, oder „Tut doch gar nicht weh.“
Natürlich steckt hinter diesen Sätzen meistens Sorge, Fürsorge, auch Mitgefühl und selbstverständlich Liebe. Aber manchmal frage ich mich trotzdem, ob diese Sätze auch dazu beigetragen haben und vielleicht immer noch dazu beitragen, dass wir anfangen zu denken, dass unangenehme Gefühle möglichst schnell verschwinden sollten.
Wir wissen vielleicht, dass Traurigkeit okay ist, aber erwarten wir nicht auch, dass sie schnell wieder verschwindet? Auch wissen wir, dass Angst okay ist, aber brauchen wir für sie nicht auch immer einen guten Grund, um sie stehen zu lassen? Und Wut.. ist vielleicht auch okay, aber erwarten wir nicht trotzdem, dass wir sie kontrollieren müssen?
Naja, und auch wenn ich müde bin von meiner ständigen Bad-Feeling-Elimination, habe ich dennoch den Drang, mich ständig zu hinterfragen und zu verbessern in meinem Verhalten und meiner Gefühlswelt. Weil (und das ist eigentlich der entscheidende Punkt) ich Verantwortung trage. Verantwortung für meine Kinder und deren Entwicklung.
Natürlich ist immer in meinem Kopf: Jetzt passiert die prägende Zeit. Jetzt entstehen mit Sicherheit die Dinge, die sie vielleicht irgendwann mit sich herumtragen. Natürlich möchte ich sie davor beschützen. Natürlich möchte ich, dass sie keine schweren Themen haben, die sie in ihren 30ern, oder später, ausgraben und für sich aufarbeiten müssen.
Fühlt sich nach ziemlichen Druck an.
Weil ich dann Gefahr laufe, plötzlich über jeden Satz nachzudenken, über jede meiner Reaktionen eine innere Analyse zu starten und jeden Moment von Überforderung haarklein auseinanderzunehmen.
Natürlich will ich alles richtig machen. Du etwa nicht?
Weil ich Angst habe, etwas falsch zu prägen und gleichzeitig fühlt es sich falsch an, weil es so unfassbar anstrengend ist und ganz ehrlich auch einfach ein Fass ohne Boden, eine Mammutaufgabe oder irgend sowas. Jedenfalls eine Aufgabe, der ich mich nicht gewachsen fühle.
Ich frage mich: Ist das nicht einfach Leben?
Kinder erleben doch keine perfekten Menschen. Sie erleben uns authentisch, wie wir eben sind. Müde Menschen, liebende Menschen, überforderte Menschen, streitende Menschen. Menschen, die da sind, Menschen, die weg sind, Menschen, die genervt von sich selbst sind, Menschen, die Fehler machen und Menschen, die einfach echt sind.
Ich glaube sowieso, dass ich lange dachte, ich müsste Gefühle irgendwie schön fühlen. Wahrscheinlich, um mich in erster Linie besser zu fühlen, und eben weil ich unbedingt meine Kinder richtig gut und optimal prägen wollte.
Und natürlich weiß ich, dass ich negative Gefühle nicht komplett aus meinem Leben verbannen kann. Mir war schon bewusst, dass sie hin und wieder kommen.
Aber, wenn ich traurig bin, dann wenigstens reflektiert traurig. Wenn ich zweifle, dann bitte mit Erkenntnis am Ende. Wenn ich Angst habe, dann sollte ich sie möglichst schnell in irgendwas Positives verwandeln.
Eine Zeit lang hab ich wirklich versucht, unangenehme Gefühle mit schönen Gedanken zu überdecken. Hat auch hier und da funktioniert, aber es frisst zwei meiner wichtigsten Ressourcen, die eh immer knapp sind: Zeit und Nerven.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich gerade immer wieder lande:
Nicht jedes Gefühl braucht eine Lösung.
Manche Gefühle brauchen vielleicht einfach nur ein bisschen Platz, ohne dass ich sofort mit meinem übervollen Positiv-Mindset-Werkzeugkasten komme, um sie zu analysieren, zu reparieren, zu resetten oder zu refraimen.
Ich denke, meine Gefühle sind einfach da, weil ich ein Mensch bin. Ich möchte ihnen erlauben zu kommen, wie sie wollen und zu bleiben, wenn sie wollen.
Ist das jetzt schon wieder eine Lösung?


Kommentare