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Gefühle fühlen oder tragen?

19. Juni
5 Min. Lesezeit


Neulich schickte ich mit einer Freundin Sprachnachrichten hin und her. Unsere Antworten auf die jeweils vorangehende Nachricht wurden nach und nach immer deeper, so landeten wir bei einem Thema, in dem ich ohnehin schon tief steckte.


Es ging um Gefühle. Konkret um meine Gefühle, ihre Gefühle, aber noch viel mehr um die Gefühle der Menschen um uns herum und wie diese auf uns wirken.

Um ehrlich zu sein, fällt es mir häufig ziemlich schwer zu differenzieren, welche Gefühle eigentlich meine sind und welche ich um mich herum von meinen Mitmenschen eingesammelt habe. Das passiert mir nämlich, ganz aus Versehen, täglich.


Du kannst dir das Szenario ungefähr so vorstellen: Ich komme in einen Raum und ich merke sofort, dass irgendetwas komisch ist ... ganz egal, wo ich hingehe. "Dicke Luft" merke ich immer sofort, auch wenn niemand etwas sagt oder macht, das ich komisch finden könnte.


Vielleicht sitzt jemand am Tisch, der gerade eine schwierige Zeit hat, oder irgendwer trägt irgendwelche Sorgen mit sich herum, oder vielleicht gibt es auch Spannungen zwischen den Menschen im Raum.


Weißt du, was ich meine? Ich kenne zumindest ziemlich viele Menschen, die das spüren. Ist ja auch keine übernatürliche Fähigkeit, aber der Umgang mit dieser dicken Luft macht für mich einen riesigen Unterschied.


Um das für dich greifbarer zu machen, möchte ich dir kurz mein Gefühl beschreiben. Ich gehe also in diesen besagten Dicke-Luft-Raum, gefüllt mit Menschen. Ich denke, ich reagiere so eher, wenn ich die Menschen kenne, die sich dort aufhalten. Stellen wir uns also z. B. eine ruhige Babyparty einer guten Freundin vor oder einen Geburtstagsbrunch in der Familie oder ein entspanntes Teamtreffen in der Strandbar.


Ich komme dann zu diesem Treffen dazu und merke, dass sich die Atmosphäre für mich beklemmend anfühlt. Zum Beispiel, wenn die Menschen um mich herum zurückhaltend sind oder wenn sie nur nett lächeln und ich ein bisschen Traurigkeit in den Mundwinkeln erkennen kann. Das macht mir dann wirklich zu schaffen. Ich werde nervös und fühle mich unglaublich unwohl. Ich denke dann als Erstes so etwas wie: "Hmm ... hab ich etwas falsch gemacht?" und als Zweites: "Was kann ich tun, damit es sich für mich besser anfühlt, hier zu sein?"


Meine Taktik: Konfrontation.


Ich gehe auf die Person, bei der ich mir am ehesten vorstellen könnte, dass sie die/der Luftverdicker/in ist, zu und spreche sie an. Natürlich auf gar keinen Fall so: "Hi, alles gut bei dir, du wirkst bedrückt?" Wär vielleicht die effektivste Möglichkeit, um herauszufinden, was Sache ist. Aber ich schüttel mir dann irgendwelche Smalltalk-Themen, wie das Wetter oder den Verkehr, aus dem Ärmel, um anhand der Reaktionen meine drei wichtigsten Aspekte für mich zu klären.


Was ist das Problem? Liegt es an mir? Wie bekomme ich dich jetzt wieder glücklich oder die Stimmung hier wieder hoch?


Weißt du was? Ich finde das einfach nur anstrengend.


Denn während ich permanent damit beschäftigt bin, die Gefühlswelt anderer wahrzunehmen, höre ich meine eigene oft gar nicht mehr. Ehrlich gesagt haben meine Gefühle in solchen Momenten noch nicht einmal eine wirkliche Daseinsberechtigung von mir.


Für mich ist aber das Mitfühlen an sich gar nicht das Problem.

Wirklich erschöpft bin ich eigentlich vom ständigen Mittragen.


Als würde ich bei jedem Menschen, dem ich begegne, direkt einen kleinen Rucksack übernehmen. Hier noch ein bisschen Frust, da noch etwas Unsicherheit, dort eine ordentliche Portion schlechte Laune. Dann trage ich irgendwann die Gefühle von fünf anderen Menschen durch die Gegend.


Im Urlaub habe ich kürzlich ein Buch gelesen, das mir nur zufällig in die Hände gefallen ist. Der Inhalt war wirklich spannend für mich, denn es ging um das Nervensystem und die verschiedenen Schutzreaktionen. Vielleicht kennst du die bereits. Es gibt da: Fight, Flight und Freeze. Ich hatte bereits davon gehört, aber in dem Buch gab es auch noch Fawn.


Ich saß am Pool, habe die Seiten des Buches förmlich verschlungen und dachte nur „oh, krass ...“, weil ich mich selten so deutlich in etwas wiedergefunden habe wie in diesem besagten Rehkitz ("fawn" auf Deutsch).


Die Schutzreaktion Fawn beschreibt vereinfacht gesagt Menschen, die Sicherheit über Anpassung herstellen. Menschen, die unglaublich fein darin werden, Stimmungen wahrzunehmen und sofort merken, wenn jemand angespannt ist. Im Buch wurde beschrieben, dass diese Menschen das tun, weil ihr Nervensystem irgendwann gelernt hat, dass sie sich dann sicher fühlen können, wenn es den Menschen um sie herum gut geht.


Klingt erstmal ziemlich logisch, finde ich, und dennoch habe ich mich irgendwie ertappt gefühlt, als würde mein geheimer Supertrick jetzt aufgeflogen sein.

Nach ein paar Tagen Hin-und-her-Denken über die Infos, die ich aus dem Buch gesammelt hatte, sah ich ein Problem ganz deutlich vor mir. Dass mein Supertrick für mich eigentlich bedeutet, dass meine Sicherheit davon abhängt, wie es allen anderen um mich herum geht. Und da ich das nicht vorhersehen oder planen kann, weil ich nicht alle Lebenswelten aller Menschen um mich herum steuern kann, ist mein Supertrick eigentlich enttäuschend.


Und jetzt interessiert mich Folgendes.

Was passiert wohl, wenn ich das nicht mehr mache?


Was passiert mit den Menschen um mich herum und meinen Beziehungen zu ihnen, wenn ich aufhöre, ständig mitzuschwingen? Wenn ich merke: „Okay, das ist gerade deine Traurigkeit oder dein Stress oder deine Unsicherheit“ ... und ich sie einfach bei ihnen lasse.


Bin ich dann sicher? Bleiben Menschen mir genauso nah, wenn ich ihre Gefühle nicht mehr mittrage? Fühlen sie sich trotzdem verstanden? Fühle ich mich trotzdem verbunden?


Oder habe ich etwa all die Jahre Verbindung mit Verantwortung verwechselt? Weil diese beiden Dinge sich für mich erstmal ziemlich ähnlich anfühlen. Aber ist diese Verbindung, die ich mir so sehr wünsche, wirklich, dass ich fühle, was andere fühlen? Oder ist es vielleicht viel einfacher?


Vielleicht bedeutet Verbindung einfach, dass ich neben jemandem sitzen kann, während er/sie traurig ist, ohne diese Traurigkeit wegzumachen, ohne sie mit "klugen Ratschlägen" kleiner zu machen und ohne sie selbst zu übernehmen. Ich denke, Verantwortung beginnt für mich dort, wo ich glaube, etwas mit dieser Traurigkeit machen zu müssen.


Und genau da wird es für mich schwierig, denn wenn ich jahrelang gelernt habe, Nähe dadurch herzustellen, dass ich mittrage, dann fühlt es sich fast falsch an, plötzlich nichts zu tun. Fast so, als würde ich jemanden im Stich lassen, obwohl ich die Person gar nicht verlassen habe. Oder führt mein Supertrick dazu, dass ich mich selbst im Stich lasse?


Keine Ahnung, vielleicht habe ich mich das bisher einfach nie gefragt.


Was passiert denn, wenn ich den Fokus auf mich lenke?

Vielleicht hält Verbindung viel mehr aus, als ich bisher gedacht habe.


Gehen wir zurück zur Babyparty, zum Geburtstagsbrunch oder zum Teamtreffen. Ich komme also an und merke dieses Dicke-Luft-Gefühl um mich herum. Ich nehme diese, für mich ziemlich unangenehme und schwer ertragbare Atmosphäre wahr und entscheide mich jetzt ganz bewusst dagegen, sie zu reparieren.


Stattdessen konzentriere ich mich ganz bewusst auf mich. Ich frage mich, wie ich mich fühle. Wenn ich glücklich bin, bleibe ich glücklich, und wenn ich gestresst bin, dann steht für mich nun mein Stress im Fokus, nicht der der anderen. Ich sehe die Stimmung der anderen und interessiere mich für sie, aber den Rucksack lasse ich stehen.


Diese Vorstellung fühlt sich für mich befreiend an.


Ich möchte mich gern selbst dabei beobachten. Ich möchte merken, wenn aus meinem Mitgefühl plötzlich Verantwortung wird, wenn ich beginne, etwas zu tragen, das mir gar nicht gehört.

Mal schauen, was passiert.

 
 
 

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